Bild-im-Text
Das Büro für besondere Texte habe ich bei Gründung so genannt, weil mir in der damaligen Situation die Erinnerung an das "Büro für besondere Maßnahmen" aus der Zeit der APO durch den Kopf ging. Inzwischen habe ich gelernt, dass dieses Büro seinen Namen an eine junge Bloggerin hat abtreten müssen. Manchmal besetzen wir die alten Plätze nicht so ganz. Dann kommen die alten Bedeutungsspuren zur Geltung und helfen unseren vorwärtsstürmenden neuen Gedanken weiter.
Vielleicht haben Sie sich über die Schmuckbilder auf der Seite des Büro für besondere Texte gewundert. Sie sind ja nicht gerade Pracht- und Protzbilder, sie zeigen keine elegante Oberfläche. Natürlich habe ich mir etwas dabei gedacht, als ich sie ausgewählt habe.
Alle Bilder sind Aufnahmen aus der Stadt und bieten Anreize, die Wände (oder "die Schrift an der Wand") zu lesen.
Texturen

Das Bild auf der Startseite zeigt die Vielschichtigkeit von Wandtexturen:
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es nicht, den großen Bunker in der Pallasstraße zu sprengen, um Platz für einen Neubau zu gewinnen. So wurde das Haus von den Architekten um den Bunker herum gebaut.
Etwas über die gegenwärtige Verwendung dieses Bunkers finden Sie hier:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/genug-gebunkert/994014.html
Das Wandbild zeigt überdimensional ein Photo von der zertrümmerten Straße. Die vertrockneten Reste einer Efeupflanze und das blaue Rohr bilden zusammen mit dem alten Beton eine neue Textur. Der Sinn des alten Bildes muss sich durchkämpfen.
Redekunst

Vor manchen Reden steht man wie der Esel vor der Arztpraxis. Die Information, die man "rüberbringen" will oder soll, ist überschaubar. Die Anzahl der "Ems" auf 1 zu reduzieren ist für manchen eine schier unüberwindliche Aufgabe.
Vor der Redekunst fühlen sich auch gestandene Persoenlichkeiten zuweilen wie hilflos auf der Straße – im Grauen.
Lassen Sie uns bunt und schoen machen, was Sie zu sagen haben.
Entzifferung

Manche Kommunikationsituation nennen wir verfahren. An der Wand kann ich eine solche Situation zum Beispiel so darstellen: Auf einem Glasbaustein klebt eine alte Karte. Sie ist nur noch in Resten vorhanden. Vielleicht war sie nie mehr als ein Muster. Die Spalten, in denen der Name des Absenders eingetragen werden sollte, sind leer. Eine Graffiti-Kritzelei – vielleicht die Probe für ein groeßeres Wandbild - ist zu erkennen. Die Karte sollte nicht auf dem Glasbaustein sein, sie hat nie ihrem Zweck gedient. Jemand hat versucht, sie zu übermalen, jemand anders, sie abzureißen. Ob sie jemals frankiert – freigemacht – worden ist, weiß man nicht. Solche Situationen interessieren mich. Man braucht Geduld und Intuition, um sie zu entziffern. Vielleicht findet die Karte noch ihren Adressaten, vielleicht erkennt er den Absender. Vielleicht kommt nach sorgfältigem Kratzen nur zum Vorschein, was der Architekt dieser Wand sich bei der Verwendung von Glasbausteinen um Himmels willen gedacht hat.
Spiegelung

Auf diesem Photo spiegelt sich die Kirche am Winterfeldtplatz im Schaufenster des koreanischen Cafés. Dessen Betreiber moechten gern an das erinnern, was ihnen die zentrale Botschaft der Bibel zu sein scheint. Man kann noch mehr sehen. Und wer dabei Unbehagen empfindet, moechte vielleicht herausfinden, was genau ihm merkwürdig vorkommt. Sind es Fundamentalisten? Sind es einfach gute Menschen? Warum verbinden sie Essen mit Botschaft und Botschaft mit Essen? Warum genau gegenüber der Kirche? Bei Christen machen uns hierzulande vielschichtige Botschaften in der Regel kein Problem. Bei anderen schon. Auch das ist analysierbar.
Auch ich...

Über das Bild mit der Hauswand, auf der "Auch ich lebte in Belgien" steht, weiß ich nicht viel. Es wurde mir geschenkt. Es lebt von dem Spiel mit dem Wort: Auch ich war einst in Arkadien. Vielleicht deutet es für Sie auf Abstieg hin. Ich habe es aufgenommen, weil ich so viele Menschen kenne, die Angst haben vor sozialem Abstieg. Wenn sie diese Angst nicht wahrhaben wollen, machen sie Unsinn und begehen Gemeinheiten, die sie später bereuen. Ich will mit dem Bild ein Lächeln zurückholen. Sie wissen nicht, wann Sie wo sind, und Sie wissen nicht, was das Haus, an dem dieser Spruch steht, schon gesehen hat in seinen besseren Tagen. Es steht noch. Vielleicht findet sich bald jemand, der es renoviert. Vielleicht ist es schon renoviert, das Bild ist ja schon ein paar Jahre alt. Vielleicht wohnen glückliche Menschen darin.